Zum Hauptinhalt springen

Hier erscheinen mit der Zeit immer mehr Interviews mit Menschen, die zu interessanten und relevanten Themen rund um die MS arbeiten ...

Der Schlaf: Was bedeutet er für unsere körperliche und psychische Gesundheit?

Ein Interview mit dem Psychologen und Schlafforscher Univ.- Prof. Dr. Manuel Schabus

Lieber Manuel, Du bist Experte zum Thema Schlaf. Was ist Dein Haupt- Forschungsgebiet?

Ich arbeite vor allem an Informationsverarbeitung in veränderten Bewusstseinszuständen, d.h wie das Gehirn auch im Schlaf, im Wachkoma oder beim neugeborenen Kind funktioniert und Reize verarbeiten kann. Ganz aktuell beschäftigen wir uns auch mit digitaler Schlaftherapie. Wir versuchen die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Schlafforschung in eine Therapie-App zu gießen,  die Schlaf in nie dagewesener Genauigkeit für den normalen Nutzer täglich analysieren und darstellen kann. Evidenzbasiertes Sleep Coaching macht die App zudem, d.h. wir versuchen über wenige Wochen zu helfen wieder zum gesunden Schlaf zu finden. Man findet das unter www.nukkuaa.com oder im Internet als www.gesunderschlaf.coach 

Der Volksmund hat zum Thema Schlaf viele Sprüche auf Lager:  „Schlaf mal drüber“ ist der Rat bei starken Gefühlsausbrüchen oder wenn es schwer fällt, eine Entscheidung zu treffen. Inwiefern verarbeitet der Körper Stress während des Schafes?

Das Gehirn verarbeitet Stress tatsächlich im Schlaf. Man glaubt, dass die emotionale Färbung im Schlaf zurück geht. Tags darauf reagiert man demnach nicht mehr so emotional wie am Tag zuvor. Daher macht der Satz:  „Schlaf mal drüber“ durchaus auch wissenschaftlich Sinn. Zudem gibt es Befunde dass im Schlaf die Kreativität angetrieben wird und man „Einsicht“ in schwierige Probleme findet die man tags zuvor noch nicht lösen konnte.

Was ist gesunder Schlaf und inwiefern unterstützt er unsere körperliche und geistige Gesundheit?

Gesunder Schlaf ist was sich gesund anfühlt und auch ausreichend lange andauert. Schlaf hat z.B. die Funktion, das Immunsystem im Schlaf zu stärken, aber auch Abfallprodukte abzutransportieren (lymphatisches System) oder auch das Gedächtnis zu stärken. Psychisch wissen wir, dass es zu gehäuften Problemen mit Angststörungen und Depression kommt, wenn man regelmäßig schlecht und/oder unzureichend schläft.

Chronische Erkrankungen und Schlaf- wie hängt das zusammen?

Da gibt es viele Zusammenhänge. Z.B. sind Herz-Kreislauf Erkrankungen gehäuft bei schlechtem Schlaf, aber auch die Glukosetoleranz geht zurück und das Risiko für Adipositas steigt. Auch werden Krebserkrankungen in Zusammenhang mit chronisch unzureichendem Schlaf diskutier.

Wir schlafen rund ein Drittel unseres Lebens und doch kann ich mich nicht erinnern, dass mich bei meiner Diagnosenstellung jemand nach meiner Schlafqualität gefragt hat. Warum wird Schlaf noch immer so ausgeblendet?

Das ist eine sehr gute Frage an der wir arbeiten. Wir versuchen mit aktuellen Projekten wie NUKKUAA wirklich den Schlaf in jedes Schlafzimmer zu tragen und die Leute wachzurütteln:  Es ist unumgänglich, sich bewusst und mit Hingabe dem Schlaf zu widmen wenn man ein gesundes und zufriedenes Leben am Tag leben will. Bei unzureichend Schlaf werde ich nicht nur emotional irritierbarer, sondern auch fehleranfälliger, habe mehr Krankheitstage, bin unglücklicher, und - ja- habe ein höheres Risiko früher zu sterben.

Worauf sollten MS Patient*innen Deiner Meinung nach in Bezug auf ihren Schlaf achten?

Ich bin kein MS Experte, aber langer (mind- 7-9 Stunden) und regelmäßiger Schlaf sind ganz zentrale Aspekte für jegliche körperliche oder geistige Gesundheit. Ich bin überzeugt das viel und qualitativ guter Schlaf viel Leid von den Schultern der Menschen nehmen würde.

Kann regelmäßig versäumter Nachtschlaf (z.B. bei Nachtdiensten) überhaupt adäquat nachgeholt werden ohne gesundheitliche Folgen zu provozieren? Im Speziellen natürlich, wenn man MS zusätzlich im „Rucksack“ hat?

Naja. Man kann schon etwas Schlaf nachholen, aber immer nur einen Teil. Bei einer durchgemachten Nacht etwa wird nur ein kleiner Teil davon auch wirklich aufgeholt. Was man auch versuchen kann,  ist etwas vorzuschlafen, z.B.  mit einem 20-30 minütigem Mittagsschlaf am Tag vor einer Nachtschicht. Oft muss aber auch das Nickerchen geübt und dem Organismus bekannt sein, d.h. auch da lohnt es sich, zu trainieren und regelmäßige Nickerchen- Zeiten einzuhalten.

Ist der Schlaf vor Mitternacht wirklich so wichtig und warum?

Ist er nicht. Aber in industriellen Gesellschaften ist der ONSET am Tag fix.  Jede arbeitende Person und jeder Schüler muss um 6 oder 7h aufstehen, um rechtzeitig in Schule und Arbeit zu kommen. Man geht deswegen aber noch lange nicht früher ins Bett um trotzdem ausreichend Schlaf zu bekommen. Man könnte also an beiden Enden ansetzen. Selbst hat man wohl nur in der Hand, früher ins Bett zu gehen sodass man am Wochenende keinen Schlaf nachholen muss.

Der berühmte „Schönheitsschlaf“: Welche wichtigen Prozesse laufen in Bezug auf körperliche Reparaturprozesse während des Schlafes ab?

Gute Frage. Ich glaube nicht dass dies im Detail bekannt ist. Aber es stimmt das ausgeschlafene Personen einfach attraktiver auf andere wirken. D.h. Hautfärbung, Augenrinne, Pupillengröße und dergleichen…

Manche meiner Freude meinen, wenig Schlaf zu brauchen. Ist Schlafbedürfnis etwas Individuelles oder kann man sich Schlaf über die Jahre auch abgewöhnen?

Schlaf ist schon etwas Individuelles, trotzdem schläft der überwiegende Teil der Bevölkerung leider viel zu wenig. Sobald ich am Wochenende oder im Urlaub Schlaf nachhole, weiß ich, dass ich in der Arbeitswoche normal zu wenig Schlaf abbekomme. Die Fachgesellschaften empfehlen im Arbeitsalter 7-9 Stunden Schlaf, d.h. mindestens 7.5 Stunden Zeit im Bett, was kaum einer von uns regelmäßig schafft. Das Schlimme ist, dass Personen oft einfach subjektiv nicht spüren, dass sie zu wenig Schlaf abbekommen wir aber in objektiven Parametern sehr wohl sehen, dass sich Fehler häufen oder die Reaktionsfähigkeit merkbar langsamer wird. Das stimmt gerade bei chronischem Schlafentzug wo Menschen einfach jede Nacht eine halbe Stunde oder Stunde zu wenig schlafen und es sich einfach angewöhnt haben, mit nur 5-6 stunden auszukommen.

Eine Freundin von mir meditiert seit Jahren und ist deshalb nach wenigen Stunden Schlaf ausgeruht. Wie funktioniert das?

Eine gute Frage. Dazu sind mir wissenschaftlich keine Befunde bekannt. Aber wenn ich unter tags natürlich mehr Entspannung und weniger Belastung habe, dann ist auch der Schlafbedarf für die Nacht geringer. Wenn die Meditation direkt vor dem schlafen gehen passiert, kann es auch sein, dass dann das Gehirn einfach entspannter einschläft und daher schneller zu ruhigem und tiefen Schlafen findet. Das sollte man testen. Denn bei übererregten Personen (Hyperarousal) sehen wir, dass der Schlaf eben weniger erholsam empfunden wird und die Personen öfter aufwachen: das wäre der gegenteilige Effekt und der ist wissenschaftlich gut belegt.

Konsum von Schlafmitteln: Was ist wichtig,  zu wissen?

Wichtig zu wissen ist, dass diese Medikamente in der Regel für wenige Wochen entwickelt wurden und angewandt werden sollten. Diese Medikamente sedieren oder betäuben das Gehirn und mögen zwar das unangenehme Wachliegen subjektiv ausschalten, aber sie normalisieren den Schlaf eben nicht. Um natürlichen Schlaf zu finden der auch alle seine positiven Effekte entfalten kann,  muss ich wieder lernen „gut zu schlafen“. Hier helfen Angebote wie unsere NUKKUAA App wo es genau darum geht:  über den Schlaf zu lernen, Entspannungsübungen zu machen und Schlafritutale einzuführen oder auch zu verstehen wann ich wie schlafe indem der Schlaf wissenschaftlich valide gemessen und rückgemeldet wird.

Gibt es noch eine wichtige Message, die Du uns MS´lern mitgeben möchtest?

Ich empfehle wie für alle Menschen, mehr Ruhe im Leben als auch im Schlaf zu finden und bewusst daran zu arbeiten. Auch die Ruhe kommt nicht von selbst, und in der Entspannung steckt die Heilung, daher gut Mut und süße Träume…